DebatteUnd Chinas Statistik stimmt doch

Börsenkurse in Shanghai
Börsenkurse in Shanghai: Wie sicher sind Chinas Wirtschaftsdaten? – Foto: Getty Images

Unter westlichen Ökonomen, Investoren und Politikern gehört es zum guten Ton, die offiziellen chinesischen Wirtschaftsdaten in Frage zu stellen. Wer die Zahlen ernst nimmt, macht sich rasch lächerlich. Man gilt im besten Fall als naiv und im schlimmsten Fall als Handlanger der kommunistischen Propaganda.

Doch diese Sichtweise ist trügerisch. Abgesehen von der politisch sensiblen realen Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die unter scharfer Beobachtung steht, sind viele andere Zahlen durchaus plausibel. Sie zeichnen ein genaues Bild der Drosselung in der chinesischen Wirtschaft, von der die Skeptiker behaupten, sie werde geheimgehalten. Wenn sich tatsächlich jemand verschworen hat, das Ausmaß der Krise in China zu verbergen, dann bleibt diese Verschwörung doch weitgehend an der Oberfläche.

Als China Mitte August überraschend seine Währung abwertete, war dies Wasser auf die Mühlen derer, die den offiziellen Angaben misstrauen. Die Entscheidung galt als Beleg dafür, dass die Regierung zu drastischen Maßnahmen greift, um eine schwer angeschlagene Wirtschaft zu stützen.

Tricksen mit der Inflationsrate

Doch was war genau geschehen? Für das erste Halbjahr 2015 verkündete Peking ein reales BIP-Wachstum von sieben Prozent, was exakt dem von Ministerpräsident Li Keqiang für das Jahr vorgegebenen Ziel entsprach. Aus Sicht der Skeptiker wirkte die Zahl unglaubwürdig, auch weil andere Daten eine deutliche Abkühlung in der Produktion und im Bausektor zeigten – und damit bei den üblichen Wachstumstreibern des Landes.

Experten sind sich weitgehend einig, dass die vierteljährlich veröffentlichten realen Wachstumszahlen politisch „geglättet“ werden, um den Eindruck scharfer Umschwünge in der Wirtschaft zu vermeiden. Es ist dies eine Lehre aus der Asienkrise von 1998 und der globalen Finanzkrise zehn Jahre später. Genutzt wird dabei vor allem der Faktor der Preisbereinigung, der den Unterschied zwischen nominalem und realem Wachstum ausmacht. Indem Chinas Statistiker bei der Inflationsrate untertreiben, erwecken sie den Eindruck, dass die Wirtschaft real stärker wächst.

Doch das Manko bei dieser einen Zahl hindert uns keineswegs daran, die Trends in der chinesischen Wirtschaft zu verstehen. Es reicht schon ein Blick auf das nominale BIP-Wachstum, bei dem die Inflation nicht berücksichtigt wird, um zu sehen, in welch problematischem Zustand sich die wichtigsten Wirtschaftszweige Chinas befinden. „Das reale BIP-Wachstum Chinas ist eines der am wenigsten volatilen der Welt“, schrieb Wei Yao, China-Expertin der Société Générale, unlängst. „Doch die nominalen BIP-Werte sind in vielerlei Hinsicht plausibler.“

Lieber nominal als real

Die chinesische Industrie, darunter Maschinenbau, Bergbau und öffentliche Versorger, wuchs im zweiten Quartal dieses Jahres um 1,2 Prozent – ein mickriger Wert im Vergleich zu den durchschnittlich erreichten fünf Prozent vom Jahr 2014. Der Bausektor legte um 4,1 Prozent zu, fast sechs Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Am stärksten wächst mittlerweile die chinesische Dienstleistungsbranche.

Diese nominalen Wachstumszahlen sind in der Praxis deutlich wichtiger als die preisbereinigten. So kann ein Unternehmen, das seinen Umsatz kalkuliert, mit realen Wachstumsdaten wenig anfangen. Das gleiche gilt für Rohstoff-Exporteure in Lateinamerika und Afrika, die einen Rückgang der chinesischen Einfuhren sowohl bei den Volumina als auch bei den erzielten Erlösen beobachten.